lillys.news.blog

Hallo zusammen,

wie versprochen, gibt es noch einen oder zwei Artikel über unser Jahr mit Emma. Die müssen allerdings noch ein bisschen warten, da wir erst einmal in den Urlaub fahren. – In die Yorkshire Dales.

Morgen geht es erst einmal los in Richtung Hoek van Holland. Um 14.15 Uhr startet die Fähre, um gegen 20.45 Uhr in Harwich anzukommen. Dort müssen wir dann nur noch ein bisschen weiter, um im Alma Inn in 25 King’s Head St, Harwich zu übernachten. Am Samstag geht es von dort aus nach Hebden in Yorkshire.

Da mir das Schreiben im letzten Jahr Spaß gemacht hat, geht es an anderer Stelle weiter. Der neue Blog heiß lillys.news.blog. Wer Lust hat, darf auch dort gern folgen.

Und hier ist die Adresse des neuen Blogs:

https://lillys.news.blog

Acht Fragen – 8

Die letzte Frage finde ich wieder kompliziert zu beantworten. Was uns überrascht hat? Wieviel Platz habe ich denn für die Beantwortung?

8 – Was hat Sie am meisten überrascht in der Zeit mit Ihrem Gastkind aus den USA?

Am allermeisten hat uns vermutlich überrascht, wie einfach der Zugang zu Emma war. Wie einfach es war, dass aus einer Fremden ein Familienmitglied wurde.

Mit einem Gastkind erlebt man ständig Überraschungen. Die US-amerikanische Kultur ist anders als das, woran wir gewöhnt sind. So viele Dinge sind einfach komplett verschieden. Von machen weiß man, manch andere kommen überraschend. Gerade für die „Kinder“ gab es öfters Aha-Momente. Unsere Jungs haben festgestellt, dass amerikanische Eltern strenger sind als deutsche. Außerdem fanden sie manche Verhaltensweisen ganz erstaunlich. Dann ging es in Diskussionen schon mal hoch her. It is not good – it is not bad – it is just different. Das ist ein Motto von Experiment e.V., das immer wieder Anwendung fand. Nicht so schnell urteilen – das haben wir uns häufig bewusst gemacht und manchmal bewusst machen müssen.

Auch wenn uns Amerikaner*innen äußerlich sehr ähnlich sind, die Kulturen sind deutlich verschieden. Dadurch sind aber Überraschungen im Grunde vorprogrammiert. So vieles ist in Deutschland erlaubt, was in den USA verboten ist. Und umgekehrt.

Doch all das lange Schreiben ändert nichts: Die größte Überraschung war, wie schnell aus Emma-Marie Dulog unser Kind wurde. Vielleicht hatten beide Familien gut vorgearbeitet, vielleicht hat es daran gelegent, dass wir viel geschrieben und gechattet, gewhatsappt und gesnappchattet haben, vielleicht lag es daran, dass Emma sich für ein Yes-Year entschieden hatte.

PS
Die lustigste Überraschung, der beste German Fail, passierte zu Pfingsten. Emma hatte sich in Kassel verabredet und stieg in den Bus. Sie hatte gehört, das die Passagiere vor ihr den Busfahrer anders begrüßt hatten als gewöhnlich. Als sie an der Reihe war, spitzte sie die Ohren, konnte aber nicht deuten, was der Mann sagte. Also antwortete sie mit den gleichen Worten. Später schrieb sie mir per Whatsapp „Was heißt „woah Pfingsten?“ Der Busfahrer hat das zu mir gesagt.“ Ich kann mich noch immer vor Lachen kringeln. Nicht, weil Emma einen „Fehler“ gemacht hätte. Wenn jemand nach Deutschland kommt, ohne je die Sprache gelernt zu haben, dann dürfen Fehler passieren. Aber ich hätte zu gern das Gesicht des Busfahrers gesehen, als Emma ihn mit „Woah Pfingsten“ begrüßte.

Darum: Woah Pfingsten allerseits!

Das waren die acht Antworten. In den nächsten Tagen wird es ruhiger werden. Ein paar Beiträge habe ich aber noch immer in petto.

 

Acht Fragen – 7

Jetzt kommen sie, die guten Tipps. Ob sie nützen?

7 – Welche Tipps haben Sie für zukünftige Gastfamilien?

Ich glaube, es gibt mehrere wichtige Faktoren, damit das Jahr als Gastfamilie erfolgreich werden kann. Zuallererst sollte man den Gastfamilienfragebogen ehrlich ausfüllen. Wenn man am Wochenende gern spät aufsteht und entsprechend spät frühstückt, sollte man nicht eintragen, dass man das Frühstück gern gemeinsam früh zu sich nimmt. Bekommt man dann einen fröhlichen Frühaufsteher, ist das Verhältnis gleich leicht gestört… Man sollte nur eintragen, was und wie man wirklich ist. Alles andere ist wenig hilfreich für die Austauschorganisation.

Wenn man Gastfamilie werden möchte, bekommt man irgendwann Profile junger Menschen vorgelegt und muss aussuchen (wenn man nicht die Organisation aussuchen lässt). Am besten entscheidet man sich für jemanden, mit dem man möglichst viele Gemeinsamkeiten hat. Das macht das Zusammenleben und die Freizeitplanung einfacher.

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Wir haben oft und viel gemeinsam gesungen

Am allerwichtigsten ist die Kommunikation. Man sollte über alles reden, am besten schon in den ersten Tagen. Die täglichen Routinen sollten bekannt sein Wenn man nicht darüber redet, ergeben sich Probleme. Und kleine Reibungspunkte entstehen sowieso im Zusammenleben. Reden hilft. Wenn man über eine Kleinigkeit nicht spricht, wächst sie und wird vielleicht zum großen Problem. Das kann man vermeiden.

Man sollte auch die Kommunikation thematisieren. Deutsche wirken auf Ausländer sowieso unglaublich direkt. Also erklärt man, dass man nichts Böses will, sondern dass in Deutschland alle so sind. Unser Gastkind kam aus den Südstaaten, wo man sehr höflich und sehr indirekt ist.

Was den Gastkindern und der Beziehung sehr hilft: Schon früh den Kontakt suchen. Die PPPlerinnen und PPPler haben ein vierwöchiges Sprachcamp, bevor sie zu den Familien kommen. In dieser Zeit hatten wir bereits guten Kontakt zu Emma. Sie war schon Mitglied der Familien-Whatsappgruppe, wir tauschten uns aus, schickten Fotos und knüpften Kontakt. Später erzählte sie, sie sei unter ihren Freunden die einzige gewessen, die schon wusste, was auf sie zukam. Natürlich war sie auch aufgeregt, uns kennenzulernen. Angst hatte sie aber keine, denn ein bisschen kannte sie uns schon.

Eine kleine Willkommenskiste fanden wir sehr hilfreich. Darin befanden sich der Hausschlüssel, das Schülerhessenticket, die Schulkarte, ein Buch über Kassel, ein Schlüsselanhänger und ein paar Süßigkeiten.

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Was ich ganz wichtig finde, wenn man sich mit dem Gedanken beschäftigt, ein Gastkind aufzunehmen, ist das Gastfamilienhandbuch von Janina Gatzky. Darin stehen so unglaublich viele gute Tipps. Ich wünschte, wir hätten es bei unserem ersten Gastkind schon gehabt – wir hätten vieles besser gemacht.

 

 

Acht Fragen – 6

Das ist mal eine Frage, bei der die Antwortmöglichkeiten eingeschränkt sind. Das lässt sich leichter machen.

6 – Welche Pflichten haben Sie als Gastfamilie?

Die emma-im-fgPflichten sind genau die, die man auch den eigenen Kindern gegenüber hat. Im Grunde. Wir kümmtern und um das physische und psychische Wohl unseres Gastkindes. Das gehört dazu. Wir haben an vielen Stellen Hilfestellung geleistet, etwa, wenn es darum ging, welche Fächer Emma in der Schule belegen sollte. Wir haben uns um das Schülerticket gekümmert.

Ansonsten kann man sagen, dass man als Gastfamilie einen Raum im Haus und im Herzen zur Verfügung stellt. Es kommen junge Menschen, die zum ersten Mal lang von zu Hause weg sind. Wir sehen es gerade daran, dass Emmas Schwestern nun auch am Parlamentarischen Patenschaftsprogramm teilnimmt. Sie wartet derzeit noch auf eine Gastfamilie und ist ein wenig ausgeregt. Das ist nur natürlich. Als Gastfamilie muss man sich immer wieder zu Gemüte führen, dass diese jungen Menschen sich freuen, aufgenommen zu werden. Und auch, dass sie immer ein wenig unsicher sind, auch wenn man es manchmal nicht merkt. Man muss sie ein wenig an die Hand nehmen und ihnen zeigen, wie bei uns Gesellschaft und Kultur funktionieren. Deutschland ist nicht Oktoberfest. Und das Gastjahr hat viel Alltagsleben, das den Gastkindern anfangs zumindest noch sehr fremd ist. Hier kann man als Gastfamilie sehr unterstützen.

Ein Zimmer und Nahrung – auch das gehört zu den Pflichten der Gastfamilien. Und natürlich auch das: Als Familie für das Gastkind da sein. Schwierig fanden wir den Umgang im finanziellen Bereich. Da ist jemand Familienmitglied und sollte selbst bezahlen für Ausflüge? Auf der anderen Seite schlagen gerade die finanziell zu Buche und machen das Jahr mit dem Gastkind schon ein wenig teuer. Darum sollte man zu Beginn gleich offen auch über die Finanzen sprechen.

Gut, dass unsere Austauschorganisation, Experiment e.V., uns schon vor Beginn des Gestjahres ein informatives Handbuch zur Verfügung gestellt hatte. Darin war alles enthalten, was hilfreich war.

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Der PPP auf der Bundestagswebsite

Acht Fragen – 5

Die nächste Frage haben wir uns selbst immer mal wieder beantwortet im Lauf des Emma-Jahres. „Hätten wir das auch gemacht, wenn Emma nicht hier wäre?“

5 – Haben Sie davon profitiert, Gastfamilie zu sein?

Ich kann gar nicht beschreiben, auf welch vielfältige Arten man davon profitiert, ein Gastkind in den USA aufzunehmen. Die PPP-Jugendlichen sind vermutlich per se politisch interessiert. Es gibt so vieles, was anderes ist bei uns, so dass wir gar nicht umhin kamen, häufig zu diskutieren. Körperliche Gewalt gegen Kinder? Geht gar nicht, befanden die deutschen Jungs. Kommt auf den Zusammenhang an, sagte die Amerikanerin. Sie redeten sich die Köpfe heiß, über Erziehung, Energiepolitik, über Kanzlerinnen und Präsidenten, über Außenpolitik und den Nahostkonflikt. Über den Zweiten Weltkrieg, über Konzentrationslager. Und manchmal auch über Sprichwörter. Was auf Deutsch „Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ heißt, wird auf Englisch „zwei Vögel mit einem Stein treffen“. Was hatten wir für eine lebhafte Diskussion, als Emma eine Rechtfertigung begann und Julian meinte, dass eine Vögel erschlagende Gesellschaft schon ziemlich aggressiv sein müsse.

Wir haben viel durch Emmas Augen gesehen. Manchmal auch uns selbst. Wir haben über Familienstrukturen gesproche und wie das deutsche Bildungssystem funktioniert. Zu selten machen wir uns bewusst, dass unsere Jugendlichen nichts bezahlen müssen, wenn sie studieren. Wie anders ist das in den USA!

Wir haben viel mehr gemeinsam unternommen. Punkt. Das ist eine ganz wichtige Feststellung. Wir haben Ausflüge in die nähere und fernere Umgebung gemacht. Wir haben lokale und regionale Sehenswürdigkeiten besucht, andere Städte, Museen, Galerien, Fußballstadien, Restaurants. Wir haben die Vielfältigkeit Deutschlands (wieder-) entdeckt. Solche Dinge macht man nur, wenn ein Gast da ist, der das noch nicht kennt. Wichtig ist aber auch: Man braucht dazu einen Gast, dem das auch Spaß macht. Man muss einen guten Ausgleich haben zwischen Programm und Relaxen. Aber selbst das Familienleben hat sich dadurch verändert, dass wir ein Mädchen im Haus hatten.

 

Acht Fragen – 4

Die nächste Frage ist superschwer zu beantworten. Das Jahr ist vorbei und wir sind so voll von schönen Erlebnissen. Diese Frage sprang mich als erste an, als ich die Mail der netten Mitarbeiterin aus dem Bundestag las. Es sind so viele schöne Dinge. Welche also auswählen? Gibt es etwas, das besonders hervorsticht? Ich fragte in unserer Whatsapp-Familiengruppe nach. Mit folgendem Ergebnis:

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Valentin hatte es einfacher als der Rest. Er hatte vier intensivere Treffen mit Emma gehabt. Das eine war – wie im Chat erwähnt – nicht so richtig gut ausgegangen. Nachzulesen ist das hier. Blieben also drei. Bei uns war Emma 288 Tage gewesen. Wir haben es also viel schwerer. Was soll ich nur für eine Antwort geben im Interview?

Also gut!

4 – Was war bisher Ihr schönstes Erlebnis mit Ihrem Gastkind?

Emma war 288 Tage bei uns. Schon allein die Zahl lässt mich die Luft anhalten. Wie soll ich da sagen, was am schönsten war? Wir hatten eine so wunderbare Zeit miteinander, da lassen sich einzelne Erlebnisse ganz schlecht herausfiltern. Weihnachten war toll und die vielen Weihnachtsmarktbesuche. Das Wochenende im Margrafenbau war grandios. Wir hatten so viel Spaß miteinander dort. Die Stadtour in Tübingen war klasse und ganz besonders wird mir die gemeinsame Nacht im Familienzimmer in der Jugendherberge im Kopf bleiben. Was haben wir gelacht.

Die Woche in Bayern in den Herbstferien war so schön, da hat jeder einzelne Moment Freude bereitet. Und dann erst der Tag in Salzburg, als wir Mozarts Geburtshaus besuchten. Emma kannte Salzburg aus dem Film The Sound of Music und war berührt davon, die Stadt endlich zu sehen. Oder Emmas spontane Teilnahme an der Marathon-Staffel. Sie war untrainiert, ist immer gespurtet, so weit es ging, um sich dann gehend auszuruhen. Ohne sie hätten Valentin, Jonathan und Jonas nicht starten können.

So viele schöne Orte und Dinge, die wir gemeinsam gesehen haben. Nicht zu vergessen unsere Spaziergänge an der Fulda entlang. Immer wieder gemeinsame Gespräche. Die Freude darüber, wenn Emma am Samstagabend früh von Freunden nach Hause kam, um abends mit ihrer Familie zusammen zu sein.

Emma hatte sich vorgenommen, dieses Jahr in Deutschland zu ihrem YES-Year zu machen. Durch diese positive Einstellung waren positive Erlebnisse einfach vorprogrammiert. Bei uns war es so lustig, wir haben sogar im Mai Rockin around the Christmas Tree gesungen!

 

Acht Fragen – 3

Die dritte Frage ist zimlich leicht zu beantworten. Darum gibt es nur wenig Vorerzählung. Wir wussten ja schon eine ganze Weile, wann Emma kommen würde. Der 1. September 2018 war der Tag X. Ursprünlich hatten wir sie nur zu dritt abholen wollen, doch hatte sich Jonathan kurz vorher überlegt, dass es doch schön wäre, wenn wir Emma gemeinsam abholen würden. Also meldeten wir ihn zum Mittagessen an.

Der 1. September war ein Samstag. Um 10.00 Uhr sollten wir in Bad Laasphe sein. Dort würden wir an einem Gastfamilienseminar teilnehmen, das bis 13.00 Uhr dauern sollte. Zurückblickend betrachtet, war das Seminar spannend und informativ. Wir wurden ausgiebig informiert und fühlten uns in guten Händen. Die drei Stunden vergingen wie im Flug. Es gab Infos über die Verteilung der Gastschülerinnen und -schüler über ganz Deutschland. Schade war es eigentlich, dass es im Lauf des Jahres keine Familientreffen gab. Es wäre bestimmt spannend gewesen.

3 – Wie war der erste Tag mit Ihrem Gastkind?

Der erste Tag mit Emma fing für uns bereits mit unserer Ankunft in Bad Laasphe an. Wir hatten uns sofort gegenseitig erkannt und fielen uns in die Arme. „Die ist ja total nett“ – das war die einhellige Meinung. Kurzfristig mussten wir uns für das Gastfamilienseminar trennen, doch ab dem Mittagessen waren wir dann für ein Jahr zu fünft. Von Bad Laasphe nach Fuldabrück, unserem Wohnort, beträgt die Fahrzeit eine gute Stunde. Ein bisschen hatten wir natürlich alle Angst vor einem ungemütlichen Schweigen, doch das kam nicht auf. Von Anfang an hatten wir einen Draht zueinander.

In Frankenberg legten wir ein eine kurze Pause ein und besichtigten das alte Rathaus.

Wir hatten für Emma schon im Vorfeld eine Simkarte für ihr Handy besorgt und nach Bad Laasphe geschickt. So hatten wir schon vorher Kontakt haben können. Emma war über vieles schon informiert, bevor sie kam. So wusste sie, dass abends ein Straßenfest stattfand, an dem sie gern teilhaben wollte. Auf dem zweiten Teil des Weges schlief Emma, die uns kurz vorher versichtert hatte, im Auto könne sie nie schlafen, fest ein. Jonathan wollte wissen, ob er abend schon Emma zu seinen Freunden mitnehmen könne. Das musste Emma selbst entscheiden, als sie wach war. Sie stimmte dem Plan freudig zu.

Zu Hause gab es also eine Hausbesichtigung inklusive Vorstellung unserer Hundedame Lilly, wir gingen gemeinsam auf dem Straßenfest essen. Daran nahmen neben meinen Eltern, die Emma auch gleich am ersten Tag kennenlernten, Jonathans Freundinnen und Freunde  teil. Anschließend fuhr Emma mit der Jugend in die Stadt.

Es war insgesamt ein Gefühl von „Das passt“. Emma war so aufgeschlossen und freundlich, sodass wir alle ein gutes Gefühl hatten, was das gemeinsame Jahr betraf.

 

Acht Fragen – 2

Damit niemand zurückblättern muss: Hier ist noch einmal die zweite Frage des Fragebogens:

2 – Was waren Ihre Erwartungen an Ihren Gast?

Wikipedia hat für Erwartung die folgenden Definitionen:

Erwartung steht für:

Was unsere Erwartungen waren, ist ganz schwer zu sagen. Was erwartt man von einem Gast? Rücksichtnahme, Höflichkeit, Freundlichkeit? Im Grunde können Erwartungen ja nur solche kleinen Dinge sein. Aber wer geht in ein Jahr mit einem Gastkind mit Erwartungen. Obwohl nur nach den Erwartungen gefragt wird, schreibe ich auch über Wünsche und Hoffnungen, die mit der Aufnahme eines Gastkindes verbunden sind. Wenn man in der Erwartung eine Annahme über etwas Zukünftiges sieht, dann können das im Grunde nur einfache Dinge sein: Ein Gastkind sollte in der Lage sein, sich um sich selbst zu kümmern. Man sollte nicht in der Verpflichtung sein, ein bis dahin fremdes Kind erziehen zu müssen. Konkret bedeutet das: Meine Erwartung ist, dass ein Gastkind sich unaufgefordert die Zähne putzt bzw. sich um die eigene Körperhygiene kümmert. Ebenso sollte es Absprachen möglichst einhalten.

Wer nimmt aus solchen Gründen jemanden auf?

2 – Was waren Ihre Erwartungen an Ihren Gast?

Wenn man einen Jugendlichen aus den USA aufnimmt, wenn man überhaupt einen fremden jungen Menschen in eine Familie aufnimmt, verbindet man das vermutlich mit der einen odere anderen Erwartung, mehr noch aber mit Wünschen und Hoffnungen. Von einem Gastkind erwarteten wir eine gewisse undgrundsätzliche Eigenverantwortung. Und sicherlich auch Intgrationswillen. Aber was sonst kann man erwarten? Dafür hatten wir verschiedene Hoffnungen und Wünsche. Ein Wunsch zum Beispiel war, dass aus dem Gast ein Familienmitglied werden könnte. Wir hofften, dass unser PPP-Gastkind an Deutschland interessiert wäre, dass es Freude daran hätte, etwas mit uns gemeinsam zu unternehmen. Wir hofften auch, dass das Gastkind Deutsch lernen würde. Natürlich gibt es in Deutschland sehr viele Menschen, die Englisch sprechen. Trotzdem ist es schön, wenn man weiß, dass das Gastkind sich in allen Situationen verständingen kann. Ich weiß nicht, ob das ganz schön viel oder ganz schön wenig ist.

Doch was soll ich sagen? Unsere Hoffnungen und Wünsche wurden im Grunde übertroffen. Vom ersten Tag an war es, als wäre Emma schon immer da gewesen. Hier und da mussten wir uns „einruckeln“, denn auch wenn wir als Europäer und Amerikaner nicht so ganz weit auseinander sind: An manche Dinge wagen wir uns doch ganz unterschiedlich heran, manches wird in den beiden Ländern komplett anders gehandhabt. Aber: Schon wenn man Freunde der Kinder für ein paar Tage beherbergt, stellt man normalerweise fest, dass in anderen Familien andere Regeln gelten. Anders ist das auch nicht mit einem PPP-Gastkind.

Mal ganz ehrlich – wenn ein Gastking fliegen kann, dann muss man doch etwas richtig gemacht haben, oder?

 

Acht Fragen – 1

Die Bundestagsverwaltung möchte ihre Seite zum Parlamentarischen Patenschaftsprogramm (CBYX = Congress Bundestag Youth Exchange) etwas abwechslungsreicher gestalten und bittet daher ein paar Gasteltern um Originaltöne. Ich wurde auch angeschrieben und sagte zu. Es ergab sich ein netter Mail-Austausch an dessen Ende eine Word-Datei mit acht Fragen stand. Hier sind sie:

Sammlung von Interview-Fragen:
1 – Was hat Sie bewogen, einen PPP-Stipendiaten als Gastkind aufzunehmen?
2 – Was waren Ihre Erwartungen an Ihren Gast?
3 – Wie war der erste Tag mit Ihrem Gastkind?
4 – Was war bisher Ihr schönstes Erlebnis mit Ihrem Gastkind?
5 – Haben Sie davon profitiert, Gastfamilie zu sein?
6 – Welche Pflichten haben Sie als Gastfamilie?
7 – Welche Tipps haben Sie für zukünftige Gastfamilien?
8 – Was hat Sie am meisten überrascht in der Zeit mit Ihrem Gastkind aus den USA?

Gar nicht so einfach, diese Fragen. Schon die erste ist nur schwer beantworten. Warum haben wir Emma aufgenommen? Vor allem, nach dem wir nach unserem ersten Gastkind aus Japan gesagt hatten „nie wieder“. Nun, vielleicht muss ich – zumindest für diesen Blog hier – ganz am Anfang beginnen.

Vor ein paar Jahren ging eine Schülerin des Friedrichsgamnasiums in die USA. Die Eltern wurden von der Austauschorganisation gefragt, ob sie nicht das freie Zimmer ihrer Tochter einem Gast zur Verfügung stellen würden. Das wollte die Familie nicht, leitete aber die Mail mit der Bitte um Weiterleitung an den Elternbeirat weiter – also an mich Im Anhang der eMail befand sich eine Liste von Schülerprofilen, die ich mir ansah. Auf einer Seite war eine 15-jährige Spanierin zu sehen, die eine deutsche Gastfamilie suchte. Sie wünschte sich Geschwister und einen Hund. Außerdem spielte sie Bratsche. Die könnte zu uns passen, fand ich und erzählte meiner Familie davon. Jonathan, Julian und Frank schauten sich die Seite an und gaben mir recht. Aus dem Gedanken wurde aber für lange Zeit keine Aktion. Als ich irgendwann zum Telefonhörer griff, war diese Schülerin schon nicht mehr aktuell.

Der Gedanke schwirrte aber weiter in meinem Kopf herum und auch der Rest der Familie fand die Idee attraktiv, ein Gastkind für ein Jahr aufzunehmen. Wir bewarben uns bei mehreren Organisationen (Experiment e.V., American Field Service und Youth For Understanding – alles gemeinnützige Vereine) als Gastfamilie. Das Procedere ist überall recht ähnlich. Man füll einen Fragebogen aus aus – möglichst ehrlich, denn das Gastkind wird passend dazu gesucht. Es bisschen macht man sich schon nackig dabei. Neben den Fragen nach den Hobbys kommen auch solche nach dem Alltagsleben. Doich um so ehrlicher man ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ein Gastkind zu bekommen, das gut zum Rest der Familie passt. Die Organisationen schauen sich den Fragenbogen in aller Ruhe an und schicken dann Ehrenamtliche, die nachsehen, ob die Familie wirklich komplett hinter dem Wunsch nach einem Gastkind steht und ob die ganzen Gegebenheiten passen. Als es mehr als ein Jahr später dann endlich so weit war, kam Yuma aus Japan über den American Field Service zu uns. Wir hatten uns vorher nie mit japanischer Kultur auseinandergesetzt und stellten fest, dass wir in vielem sehr weit voneinander entfernt waren. Das Jahr war durchaus anstrengend. Darum atmeten wir durch, als es vorbei war und kamen zu dem oben genannten Ergebnis.

Trotzdem war Emma für ein Jahr bei uns. Wie das kam? Wir hatten uns bei Experiment e.V. registrieren lassen. Dort wusste man im Frühsommer 2018 natürlich nicht, dass wir bis Januar 2018 einen Gast gehabt hatten. Darum bekam ich unverhoffterweise einen Anruf einer netten jungen Dame, die mich fragte, ob wir nicht Interesse hätten, jemanden für ein Jahr auszunehmen. Ich lachte und erzählte von unseren Erlebnissen mit Yuma. Die Dame von Experiment bemerkte sehr weise, Japaner seien die Kür für Gasteltern. Ein japanisches Kind aufnehmen, das ginge erst, wenn man schon Gastelternerfahrung hätte. Ha! Die hatten wir ja nun. Aber: Danke nein, wir wollen nicht. Doch dann erzählte sie von  einem Jungen, der ganz genau zu Julian passen würde. Ich war neugierig geworden und erhielt das Profil des Knaben.

Als ich Emma davon erzählte, lachte sie. Sie hatte ihn während des Sprachcamps in Bad Laasphe kennengelernt und meinte, es sei unser Glück, dass wir ihn nicht genommen/bekommen hätten. Wenn dieser Junge und Julian zusammen gewesen wären, hätte Chaos pur geherrscht Tatsächlich waren wir nach erster Ablehnung dann doch nicht mehr ganz so abgeneigt. Der Junge hörte sich ganz nett an und Julian meinte, nachdem Jonathan Yuma gehabt hätte, wurde er auch gern ein Gastkind „haben“. Und irgendwie ist es ja auch ganz nett mit einem Gast aus einem anderen Land. Wir überlegten und überlegten, baten Experiment e.V. darum, uns den Jungen eine Weile zu „reservieren“ und überlegten weiter. Die Frist war schon ein paar Tage abgelaufen, als wir tatsächlich soweit waren, noch einmal einen Gast aufzunehmen. Doch wir bekamen eine Absage. Der Junge hatte am Tag zuvor eine Familie gefunden. „Dann soll das so sein“, sagte ich. „Na ja“, meinte die nette junge Dame, nachdem sie mir ein paar weitere Jungen „angeboten“ hatte, die aber überhaupt nicht für uns in Frage kamen: „Sie wollen ja unbedingt einen Jungen. Ich hätte ein Mädchen für Sie, das wunderbar zu Ihrer Familie passen würde.“ Ein Mädchen? So weit waren wir in Gedanken nie gegangen. Würde ein Mädchen denn bei uns sein wollen? Nun ja, die Kinder werden normalerweise nicht gefragt, ob sie in eine bestimmte Familie wollen oder nicht. Aber nach unseren Erfahrungen mit Yuma, der so enttäuscht war, dass er hier nicht in einem höherklassigen Fußballverein spielen konnte, waren wir vorsichtig geworden.

Als wir Emmas Profil bekamen, wurden wir schwach. Die passt, befanden wir. Es gab aber einige Hürden zu nehmen:

Unsere beiden Söhne. Würde Emma Brüder wollen, vor allem: Fast erwachsene Brüder? Wären auch ihre Eltern einverstanden damit? Das war uns wichtig.

Emma ist Vegetarierin. Ich wollte nicht alles umstellen müssen oder doppelt kochen. Wäre es für sie in Ordnung, mit fleischfressenden Pflanzen auf engstem Raum zu leben.

Last but not least hatte Emma geschrieben, dass sie sich vorstellen könnte, Heimweh zu haben. Dann wollte sie eine katholische Kirche besuchen. Kassel ist Reformationsland. Natürlich gibt es bei uns auch Katholiken, aber die Protestanten überwiegen. Vor allem auf dem Land. Bei akuten Anfällen von Heimweh müsste Emma also zuerst eine Busfahrt unternehmen. Würde Emma überhaupt mit einer evangelischen Familie zusammenleben wollen?

Drei für uns wichtige Fragen. Wir baten Experiment um eine Ausnahme. Emmas Familie sollte unsere Bedenken/Gedanken mitgeteilt bekommen. Wenn Emma sich bewusst auf uns einlassen würde, wollten wir sie gern für ein Jahr aufnehmen. Als grünes Licht aus den USA kam – indirekt über CIEE und Experiment e.V. – sagen wir ja. Erst dann wurde Emma informiert, dass eine Gastfamilie für sie gefunden worden sei.

Und wie schreibe ich das nun für den Bundestag?

1 – Was hat Sie bewogen, einen PPP-Stipendiaten als Gastkind aufzunehmen?

Als im Frühsommer 2018 eine Mitarbeiterin von Experiment e.V. bei uns anrief und mit der Idee konfrontierte, Gastfamilie zu werden, wusste man bei Experiment nicht, dass wir gerade ein halbes Jahr vorher unser erstes Jahr als Gastfamilie hinter uns gebracht hatten. Noch einmal wollten wir nicht Gastfamilie sein, denn mit unserem japanischen Gastkind war es wegen der gänzlich unterschiedlichen Kulturen sehr anstrengend gewesen. Die Mitarbeiterin hatte ein offenes Ohr und hörte aus meiner ersten Ablehnung eine mögliche Bereitschaft. Nicht unberechtigt, denn sonst wäre Emma nicht bei uns gelandet. Sie klärte mich über den Unterschied eines „normalen“ Auslandjahres und dem Parlamentarischen Patenschaftsprogramm auf. Das klang spannend für mich und den Rest der Familie. Was aber ganz klar war: Wenn wir uns noch mal auf das Abenteuer Gastkind einlassen würden, dann müsste es jemand sein, der wirklich zu uns passt. Der erste Vorschlag, ein Junge im Alter unseres jüngeren Sohns Julian,  wurde lange diskutiert. Wobei die Diskussion in erster Linie darum ging, ob wir noch einmal jemanden aufnehmen wollten. Der Junge selbst schien prima in unser „Familienprofil“ zu passen. Wir überlegten zu lange, denn er war schon vergeben, als wir zusagen wollten. „Ein Mädchen wollen Sie ja nicht, denn da hätte ich jemanden, der perfekt wäre“, sagte die Experiment-Mitarbeiterin. An ein Mädchen hatten wir gar nicht gedacht. „Ja, geht denn das? – Geben Sie Mädchen an Familien mit Jungen?“ Das tut Experiment tatsächlich und wir erhielten Emmas Profil. Nach dem ersten Lesen waren wir uns einig: Die passt. Wenn überhaupt: Wären wir gut genug für sie? Natürlich mussten einige Hürden genommen werden. (Siehe oben)

Doch das beantwortet sicherlich nicht die grundsätzliche Frage nach dem Warum. Warum macht man das? Warum nimmt man einen Jungendlichen aus den USA für ein Jahr auf – ehrenamtlich, ohne dafür finanzielle Unterstützung zu bekommen? Ich glaube, wir sind und waren neugierig auf Neues. Wir haben gern Leben im Haus und sind gern mit Menschen zusammen. Es macht Spaß, einen weiteren jungen Menschen im Haus zu haben, der in Deutschland ganz neue, eigenen Erfahrungen macht. Ja, es ist manchmal anstrengend. Und ja, man könnte stattdessen auch in den Urlaub fahren, denn die Ausflüge, die wir das Jahr über gemacht haben, summieren sich. Aber es macht auch jede Menge Spaß, Gastfamilie zu sein. Vor allem, wenn man Emma im Haus haben kann. 😉

Hattet ihr gedacht, ich würden mit dem Schreiben aufhören? Ein bisschen geht es noch weiter, keine Angst.

Von hier aus viele Grüße nach Richmond, wo Emma sich heute mit ihrem Vater auf den auf die Philippinen Weg macht. Gute Reise, Emmakind!

Wer selbst Lust hat, einen PPPler oder eine PPPlerin aufzunehmen, kann sich hier über das Programm informieren.